Selbst-Mitgefühl

Die meisten Menschen gehen ziemlich schlecht mit sich um. Würde man ihre inneren Dialoge für andere Menschen hörbar machen, dann wären diese mit großer Wahrscheinlichkeit entsetzt. Sätze wie „Kein Wunder, dass du das vermasselt hast. Du bist ja auch zu dumm und hässlich“ sind eher die Regel als die Ausnahme.

In den fernöstlichen philosophischen Denktraditionen gibt es das positive Konzept Selbst-Mitgefühl (‚self compassion’) schon seit Jahrhunderten. Die Forschung der westlichen Psychologie hat Selbst-Mitgefühl und seine positive Wirkung auf Gesundheit und Lebensqualität inzwischen auch entdeckt. Selbst-Mitgefühl meint eine emotional positive und empathische Haltung sich selbst gegenüber und beinhaltet drei Bestandteile (vgl. Neff 2003).

(a) Liebenswürdigkeit / Güte gegenüber dem eigenen Selbst (‚self-kindness’) in schmerzvollen Lebenssituationen oder bei Misserfolg, im Gegensatz zu Härte und Selbstkritik. Dies beinhaltet, dass Unvollkommenheit, Fehler und Schwierigkeiten als Teil der menschlichen Existenz anerkannt werden.

(b) Geteilte Menschlichkeit (‚common humanity’) als das Erleben, Teil einer größeren und von allen Menschen gemeinsamen menschlichen Erfahrungswelt zu sein. Im Gegensatz zur Erfahrung des Getrenntseins und der Isolation von anderen Menschen.

(c) Achtsamkeit (‚mindfulness’) in dem Sinne, dass negative Gefühle und Gedanken wahrgenommen, aber in einer Balance gehalten werden, anstatt sich allzu sehr mit ihnen zu identifizieren.

Selbst-Mitgefühl hat viele Vorteile gegenüber dem bekannteren Konzept des Selbstwerts (‚self-esteem’). Beide – Selbst-Mitgefühl und ein hoher Selbstwert –  führen dazu, dass wir uns selbst akzeptieren und gut fühlen. Selbst-Mitgefühl braucht aber, im Gegensatz zu einem hohen Selbstwert, keine Bewertung der eigenen Leistung oder den Vergleich mit anderen. Andere Menschen müssen innerlich nicht herabgesetzt werden, damit wir uns gut fühlen. Und wir müssen nicht erst Höchstleistungen erbringen, damit wir uns mögen.

Im Grunde geht es bei Selbst-Mitgefühl darum, sich wie einen guten Freund / eine gute Freundin zu behandeln. Einer guten Freundin würden wir beispielsweise sagen: „Das ist doch nicht so schlimm, dass Du das nicht geschafft hast. Das nächste Mal klappt es bestimmt!“

Selbst-Mitgefühl lässt sich lernen. Wenn wir uns unsere negativen inneren Dialoge erst einmal bewusstmachen, z.B. indem wir sie aufschreiben, können wir sie liebevoller und mitfühlender gestalten.

Tipps

  • Selbst-Mitgefühl ist für die meisten Menschen ein radikal neuer Selbst-Bezug.
  • Je mehr wir Selbst-Mitgefühl üben, umso mehr wird es zur Gewohnheit.
  • Es geht nicht darum negative Gefühle zu unterdrücken.
  • Es geht darum schmerzhafte Augenblicke zu akzeptieren und uns selbst liebevoll und mit Güte zu begegnen.
  • Anfangs kann es zu einer verstärkten Wahrnehmung von seelischem Schmerz kommen, da uns bewusst wird, wann wir „ungeliebt“ waren. Dann sollte liebevoll auch Abstand genommen werden können.
  • Akzeptanz eines langsamen Lernprozesses.

Veröffentlicht in:

Psychologie

Über die Autorin

Julia Krawitz

Als Psychologin (Master of Science) unterstütze ich dich toxische Beziehungen in deinem Leben zu erkennen, mit toxischen Beziehungen umzugehen und dich vor weiteren toxischen Beziehungen zu schützen.

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