VEGANOPHOBIE

Als mein Leben vor einigen Jahren eine völlig neue Richtung nahm, weil ich mich entschlossen hatte, meine Ernährung auf pflanzenbasiert (= vegan [1]) umzustellen und mich für den Rest meines Lebens für eine gerechtere Welt für Tiere einzusetzen, kam ich nahezu zeitgleich mit einem seltsamen Phänomen in Berührung:

der VEGANOPHOBIE

Ich hatte gerade mein erstes Buch über unser System der Knechtung, Ausbeutung und Folter von Tieren in der industriellen Tierhaltung gelesen. Die Erkenntnis, dass ich seit über vierzig Jahren tagtäglich mit meiner Ernährung all das Grauen mitgetragen und unterstützt hatte, traf mich wie ein Schlag. Ich glaube es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass ich an diesem Punkt meines Lebens in eine echte Depression fiel. Das unermessliche Leid der Tiere in der Milch- und Fleischindustrie, über das ich mich nach dem ersten aufschlussreichen Buch über weitere Kanäle (andere Bücher, Filme, Zeitungen, Webseiten, Soziale Medien, Podcasts etc.) informierte, lies mich nicht nur fassungslos, wütend und verzweifelt zurück, es lähmte mich innerlich [2].

Als ich aus der bleiernen Starre herausgefunden hatte und die Entscheidung traf, nie wieder Teil dieser Barbarei zu sein und ab sofort Pflanzen anstelle von Lebewesen und deren für die Reproduktion vorgesehen Ausscheidungen (Milch und Eier) zu verzehren, kam sogleich die nächste Überraschung.

Naiv hatte ich sofort damit angefangen die Welt da draußen zu informieren, was mir an Erkenntnis zugekommen war und welche Konsequenz ich daraus gezogen hatte. Gänzlich unvorbereitet machte ich diese ersten Babyschritte als neu geborene Veganerin in einer Welt der Nicht-Veganer und Nicht-Veganerinnen.

Niemals hätte ich mir träumen lassen, welch eiskalter Wind mir entgegenschlagen würde. Hatte ich doch tatsächlich geglaubt, dass all die guten und empathischen Menschen meiner Welt, begeistert sein müssten über meine neue, zutiefst ethisch-moralisch begründete Lebensausrichtung. Was mir so ablehnend ins Gesicht schlug, war der bittere Geist der VEGANOPHOBIE.

Heute weiß ich, was hinter dem Phänomen steckt und als Psychologin hätte ich es besser wissen können, ja sollen. Ich hätte mir viel Ärger, Frustration und unnötige Kämpfe erspart. Hinterher ist frau schlauer.

In der Psychologie spricht man vom „Fleisch-Paradox“, welches auf der Theorie der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957) basiert. Kurz erklärt: Wenn freiwillige Handlungen (Verzehr von Lebewesen und deren für die Reproduktion vorgesehen Ausscheidungen) im Widerspruch stehen mit für das Selbst bedeutenden Einstellungen (Tierliebe, Mitgefühl), entsteht durch diese Inkonsistenz ein unangenehmer Zustand (eine schwer auszuhaltende innere Spannung). Das führt dazu, dass die meisten Menschen nicht etwa (!) ihr VERHALTEN ändern (ab sofort nur noch pflanzenbasierte Ernährung), um HANDLUNG (Ernährung) in Übereinstimmung mit EINSTELLUNG (Tierliebe, Mitgefühl) zu bringen, sondern die meisten Menschen ändern ihre EINSTELLUNG.

Läuft Nicht-Veganer*innen (ungefähr 98,4% der Bevölkerung) ein Veganer oder eine Veganerin über den Weg, kann schon allein das Wissen, dass es sich um einen Veganer oder eine Veganerin handelt, ausreichen, um Abneigung, Ablehnung oder sogar Aggression hervorzurufen. Denn dieser „nervige Gutmensch“ macht, ob er will oder nicht, unmissverständlich deutlich, welch fauler Kompromiss mit den eigenen Werten eingegangen wurde (siehe oben: EINSTELLUNG wurde geändert, um die kognitive Dissonanz aufzulösen).

So kann jeder Besuch in einem Restaurant mit Nicht-Veganer*innen unverhofft zu erbitternden Grundsatzdiskussionen führen, bei denen die Nicht-Veganer*innen besonders gerne Faktenwissen der Veganer*innen [3] mit „Meinungen“ zum Thema industrielle Tierhaltung, CO2-Bilanz von tierischen Lebensmitteln etc. den Kampf ansagen oder sich plötzlich in peinlichen Rechtfertigungstiraden verlieren. ALLE Veganer*innen wissen, wovon ich spreche.

In echte Abgründe der VEGANOPHOBIE können Veganer*innen aber in den sozialen Medien blicken, wo in den Kommentarspalten unter Beiträgen wie „Fleischkonsum-aber-bewusst“ oder „Haferdrink-statt-Milch-oder-lieber-doch-nicht“ der Krieg gegen Veganer*innen wütet. An vorderster Front Schnitzel- und Bratwurstgestärkte männliche Nicht-Veganer.

Mit der Zeit lernt wahrscheinlich jede Veganerin / jeder Veganer, wann es sich lohnt über eine vegane Lebensweise zu sprechen, das eigene Faktenwissen zu teilen und wann nicht. Sicher nicht, wenn der Geist der VEGANOPHOBIE bitter weht und die Abwehrmechanismen der Nicht-Veganer*innen auf Angriffsmodus stehen.


[1] Ja, auch kein Leder, kein Echtfell etc.

[2] Es gibt zahlreiche Veganer*innen, die aufgrund der Konfrontation mit der Brutalität unseres Ernährungssystems an einer posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, leiden.

[3] Ich kenne keine/n Veganer*in, der/ die sich nicht intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ich kenne so gut wie keine Nicht-Veganer*innen, die das getan haben.

Veröffentlicht in:

Ernährung

Über die Autorin

Julia Krawitz

Als Psychologin (Master of Science) unterstütze ich dich toxische Beziehungen in deinem Leben zu erkennen, mit toxischen Beziehungen umzugehen und dich vor weiteren toxischen Beziehungen zu schützen.

In toxischen Beziehungen wandelst du wie im Nebel. Ich unterstütze dich bei der Nebelklärung.

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