Die Wunde einer Traumatisierung in der Kindheit wiegt schwer und bestimmt oft das gesamte weitere Leben. Menschen, die durch ihre wichtigsten Bezugspersonen in Angst oder Terror versetzt und im Stich gelassen wurden, werden ein Leben lang Schwierigkeiten haben, zwischenmenschlichen Beziehungen zu vertrauen. Entscheidend für die Schwere des Traumas ist, ob es andere Erwachsene gab, die dem Kind Stabilität, Sicherheit und Trost spenden konnten. Das ist jedoch häufig nicht der Fall.
Eine Traumatisierung geht immer mit extremer Hilflosigkeit, totaler psychischer Überforderung und extremer Verlassenheit einher. Das Kind wird vollkommen auf sich selbst zurückgeworfen und erlebt sich als getrennt von einer Welt, die seine Not weder erkennt noch zu Hilfe kommt. Es ist nur verständlich, dass es sich nach jemandem sehnt, der es aus seiner panischen Angst und bodenlosen Verlassenheit befreit. In der Seele des traumatisierten Menschen wird sich die Sehnsucht nach einem allmächtigen Retter festsetzen, solange das tiefsitzende Trauma unbearbeitet bleibt.
Dissoziation und Blindheit für Verrat – die wichtigsten Überlebensstrategien der menschlichen Psyche – sorgen auch im Erwachsenenalter dafür, dass der toxische Nebel weiterhin aufrechterhalten wird und der Mensch nicht versteht, wie es um ihn steht und was die Ursache seines Leidens ist.
Die Sehnsucht nach einem allmächtigen Retter öffnet Tür und Tor für Missbrauchsbeziehungen im Erwachsenenalter. Narzisstische Täter nutzen genau diese Sehnsucht aus. Sie treten nicht nur äußerst gerne in das Leben eines Menschen, wenn dieser sich in einer herausfordernden Phase oder sogar einer psychischen Krise befindet, sondern bieten auch Orientierung, Sicherheit und Führung an. All das sind Dinge, die Menschen, die in einem dysfunktionalen Familiensystem aufgewachsen sind, meist nie bekommen haben.
Der Narzisst macht sich die fragile Autonomie und die tiefe Sehnsucht eines Menschen zunutze, um eine Beziehung der Unterwerfung unter seine Dominanz und Herrschsucht zu etablieren. Ähnlich wie ein Sektenführer nutzt er gezielt die seelischen Verletzungen seiner Partnerin aus, um seine Herrschaft und ihre Abhängigkeit zu zelebrieren. Damit erreicht er, was sein schwaches Selbst braucht: das Gefühl von Überlegenheit und Kontrolle über einen anderen Menschen, an dem er auch noch seine unkontrollierten Wutausbrüche oder seine passiv-aggressiven Demütigungen ausagieren kann.
Es ist die Wiederholung der traumatisierenden Kindheit, in der die Überlebende der Willkür tyrannischer Bezugspersonen ausgeliefert war. Der Weg aus der selbstzerstörerischen Missbrauchsspirale ist ein herausfordernder Kampf um Autonomie, innere Sicherheit sowie Verbundenheit mit der Welt und vertrauenswürdigen Menschen.
Hinweis: Narzissmus bezieht sich hier nicht auf eine psychiatrische Diagnose oder Persönlichkeitsstörung, sondern auf Narzissmus als Persönlichkeitsstil. Narzissmus ist keine Krankheit. Narzissten leiden nicht unter ihrem Persönlichkeitsstil. Sie sind jederzeit zurechnungsfähig und damit für ihr Handeln verantwortlich.




