Menschen, die in dysfunktionalen Familien aufgewachsen sind, also in Familiensystemen, die ihre Kinder traumatisieren, leiden oft ihr ganzes Leben lang unter einer starken Sehnsucht. Diese Sehnsucht fühlt sich an wie ein tiefes Loch in der Seele oder ein starkes Verlangen nach Linderung. Meist können Überlebende diese Sehnsucht nicht einordnen, da sie sie nicht auf den Mangel an liebevollen und nährenden Beziehungen in ihrer Kindheit zurückführen. Dieses unstillbare Verlangen entsteht in der Regel bereits im Säuglingsalter und ähnelt einem Hunger nach Zuwendung, Berührung, Schutz und Wärme.
In den ersten Lebensmonaten ist der Mensch vollkommen von seinen Bezugspersonen abhängig. Er kann sich nicht selbst regulieren und braucht die möglichst durchgängige Anwesenheit, Aufmerksamkeit und Einstimmung seiner Mutter. Kinder, deren Mütter sie in der Säuglingszeit nicht liebevoll nähren, spiegeln und vor zu vielen Eindrücken schützen, haben dadurch ein Leben lang Nachteile. Denn das Gehirn und das Nervensystem entwickeln sich gemäß dieser frühen Bindungserfahrung. Die erste Liebesbeziehung dient zudem als Blaupause für alle kommenden Liebesbeziehungen.
Die Sehnsucht nach der verlorenen Liebesbeziehung zu einer Mutter, die nur physisch anwesend sein konnte oder gar nicht anwesend war, geht mit unterschiedlichen psychischen und körperlichen Symptomen sowie schädlichen Bewältigungsstrategien einher. Diese Symptome können wiederum Anlass sein, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben (vgl. Bloom, 2005). Die tiefe Sehnsucht ist aus dem Bewusstsein abgespalten, denn bereits im Säuglingsalter musste der vernachlässigte Mensch seinen Bindungswunsch aufgeben.
Die meisten Frauen, die in ihrer Kindheit keine mütterliche Zuwendung und Liebe erfahren haben, entwickeln im späteren Leben eine Essstörung oder zumindest Probleme mit dem Essen, dem Gewicht oder dem eigenen Körper. Eine andere Kompensationsstrategie für diesen inneren Mangel ist die Fixierung auf eine Liebesbeziehung, die sowohl bei Männern als auch bei Frauen auftreten kann, oder verschiedene andere Suchterkrankungen. Immer geht es um den Versuch, den inneren Hunger nach Liebe zu stillen.
Das Verständnis für diesen Zusammenhang bedeutet noch keine Heilung, ist aber ein wichtiger Schritt. Der Mensch kann dann lernen, sich möglichst viele nährende und wärmende Erfahrungen zu erschaffen, auf dysfunktionale Kompensationen zu verzichten und das eigene Nervensystem mit angemessenen Methoden zunehmend in Balance zu bringen.
Literatur
Bloom, S. L. (2005). The Grief That Dares Not Speak It’s Name.
McDaniel, K. (2024). Mutterhunger. Der alles verzehrende Wunsch nach Liebe. Unimedica.




