Grenzen zu setzen ist super  – aber nicht bei Narzissten

Grenzen zu setzen, gilt gemeinhin als Rezept für gesunde Beziehungen und ein glückliches, erfülltes Leben. Für Überlebende von Narzissmus ist dieser Ansatz nicht nur frustrierend, sondern auch noch beschämend. Erstens wissen sie nicht, was es bedeutet, Grenzen zu setzen. Zweitens haben sie panische Angst davor. Und drittens funktioniert es auch wirklich nur in gesunden Beziehungen.

In toxischen Beziehungen kann man keine Grenzen setzen

Der Kern toxischer Beziehungen ist, dass es keine Grenzen gibt. Jedenfalls nicht für die Überlebenden, nur für die Narzissten. Wenn Menschen mit narzisstischen Eltern aufgewachsen sind, wissen sie nicht, was es bedeutet, Grenzen zu setzen, denn sie konnten es in ihrer Kindheit nie tun und haben es auch nie üben können. Narzisstische Eltern betrachten ihre Kinder als Verlängerung ihrer selbst und nicht als eigenständige Wesen. Daher wachsen Kinder narzisstischer Eltern ohne Grenzen auf. Es ist ihnen nicht erlaubt, eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Vorlieben, Interessen, Werten und einer eigenständigen Meinung zu entwickeln. Dies zu tun, käme in einem dysfunktionalen Familiensystem einer Todsünde gleich. Wenn sie Glück hatten, gab es Bereiche, in denen sie als Kinder weitestgehend in Ruhe gelassen wurden und daher eigene Neigungen und Interessen entwickeln konnten. Natürlich ganz ohne elterliche Ermutigung und Unterstützung.

Das Erziehungsprinzip narzisstischer Eltern lautet: „Wenn du eine Beziehung mit mir willst, musst du dich aufgeben.“ Da Kinder von ihren Eltern abhängig sind, werden sie diese Selbstaufgabe leisten. Für Überlebende von Narzissmus ist es daher mit extremen Schuldgefühlen und großer Angst verbunden, Grenzen zu setzen, sich zu behaupten oder „nein” zu sagen. Denn in toxischen Beziehungen hat es fatale Konsequenzen: Verlassenwerden, Beschämung oder Gewalt.

In toxischen Beziehungen wird man nie ein Selbst haben dürfen

Wenn Überlebende im späteren Leben eine toxische Beziehung nicht beenden, sollten sie sehr genau wissen, warum sie es nicht tun. Es kann gute Gründe geben, wie beispielsweise gemeinsame Kinder in einem jungen Alter, extreme finanzielle Abhängigkeiten oder berufliche Verflechtungen. Bei narzisstischen Eltern ist die Entscheidung, den Kontakt definitiv abzubrechen, außerdem sehr schmerzhaft. Die Hoffnung, in einer Beziehung mit einem Narzissten jemals ein eigenes Selbst haben zu dürfen, sollte allerdings nicht der „gute Grund“ sein. Denn das wird nicht eintreten. Narzissten sind, was sie sind. Für sie sind Grenzen eine Einladung, sie zu überschreiten. Die Empfehlung, Grenzen zu setzen, funktioniert daher definitiv nur in anderen Beziehungen.

Für Überlebende von Narzissmus gelten daher andere Regeln:

  • Versuche gar nicht erst, in toxischen Beziehungen „normale“ Grenzen zu setzen. Es wird nicht funktionieren. Du reibst dich dabei vollkommen auf. Schütze dich auf andere Art (siehe unten).
  • Beende toxische Beziehungen und entwickle ein Selbst mit eigenen Vorlieben, Interessen, Werten und einer eigenständigen Meinung. Übe das Grenzen setzen in gesunden Beziehungen. Du erkennst diese Beziehungen daran, dass du Grenzen setzen darfst, ohne dass du deswegen verlassen, beschämt oder abgewertet wirst. So kannst du deine Angst abbauen.
  • Wenn du eine toxische Beziehung nicht beenden kannst, dann sei dir bewusst, wann deine Grenzen eingerissen werden, und mache einen Plan für deinen Selbstschutz. Setze dir beispielsweise Limits – nach fünf abwertenden Bemerkungen setze ich mich mit einem Vorwand ab – oder mache Pläne, wie du immer wieder leicht „entkommen” kannst (Beispiel: Anrufe besser unterwegs, damit du das Gespräch schneller beenden kannst). Suche dir gesunde Beziehungen als Ausgleich.

Hinweis: Narzissmus bezieht sich hier nicht auf eine psychiatrische Diagnose oder Persönlichkeitsstörung, sondern auf Narzissmus als Persönlichkeitsstil. Narzissmus ist keine Krankheit. Narzissten leiden nicht unter ihrem Persönlichkeitsstil. Sie sind jederzeit zurechnungsfähig und damit für ihr Handeln verantwortlich.

Veröffentlicht in:

Narzissmus, Psychologie

Über die Autorin

Julia Krawitz

Als Psychologin (Master of Science) unterstütze ich dich toxische Beziehungen in deinem Leben zu erkennen, mit toxischen Beziehungen umzugehen und dich vor weiteren toxischen Beziehungen zu schützen.

In toxischen Beziehungen wandelst du wie im Nebel. Ich unterstütze dich bei der Nebelklärung.

Zu meinen Trainings Mehr über mich