Narzisstische Bezugspersonen und das chronisch entwertete Kind

Chronische Entwertung in der Kindheit gräbt sich tief in die kindliche Seele ein und macht Menschen im Erwachsenenalter nicht nur anfällig für toxische Beziehungen, sondern wirkt sich in allen Lebensbereichen negativ aus.

Abwertung, Entwertung und Missachtung in der Kindheit durch narzisstische Bezugspersonen sind nicht immer so offensichtlich, sondern oft subtil. Deshalb leidet das chronisch entwertete Kind still und unsichtbar. Es versteht nicht, was mit ihm geschieht. Es kennt es nicht anders. Ein Kind, das angeschrien oder geschlagen wird, weiß, dass Schreien und Schlagen nicht in Ordnung sind. Auch wenn Schreien und Schlagen Kindern natürlich extrem schadet. Aber es gibt noch eine viel perfidere Form der Missachtung eines Kindes: Die stille Verachtung. Sie ist viel toxischer und dringt unmerklich in die Seele des Kindes ein. Das Kind fühlt sich völlig wertlos und in keiner Weise liebenswert und ist davon überzeugt, dass das an ihm liegt. Es glaubt, man könne es einfach nicht lieben.

Narzisstische Eltern brauchen einen Sündenbock, auf den sie ihre Schatten, ihre Scham und ihren bodenlosen Selbsthass projizieren können. Eines oder mehrere ihrer Kinder müssen dafür herhalten. Über das Kind waschen sich die narzisstischen Eltern sozusagen von ihren Sünden rein und müssen sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen. Das Kind wird entmenschlicht und zum Behälter für die über Generationen angesammelte Schmach und Schande der Familie. Das Kind erfährt dann keine positive Zuwendung, Bestätigung oder liebevolle Fürsorge, sondern im Gegenteil kalte Abwertung und Kritik.

Der Mythos von der Familie, die von Narzissten kontrolliert wird und dem alle folgen, erzählt natürlich eine ganz andere Geschichte, die dem Kind von klein auf eingetrichtert wird. Selbst wenn in einer Familie schlimme Dinge passieren, wie Missbrauch, Vernachlässigung oder Gewalt, wird dem Kind gesagt: „Alles ist gut. Wir haben keine Probleme. Du bist falsch!“

Wer in seiner Kindheit so viel Abwertung erfahren hat, ist im späteren Leben sehr anfällig für toxische Beziehungen. Denn selbst ein Minimum an positiver Zuwendung ist wie ein Tropfen Wasser für einen Verdurstenden. Es kann auch sein, dass das in der stillen Kälte vernachlässigte Kind als Erwachsener einen schreienden und tobenden Partner gar nicht so unangenehm findet. Es kommt immer darauf an, aus welcher anderen Hölle man kommt. Immerhin schenkt der offen Gewalttätige Aufmerksamkeit und nicht stille Verachtung.

Die Heilung von dieser tiefgreifenden Entwertung ist komplex, Psychotherapeuten kennen sich meist nicht mit Kindesmissbrauch aus und verstehen nicht, dass diese späteren Erwachsenen in ihrer Kindheit schwer traumatisiert wurden. Leider wird von Psychotherapeuten auch gerne die Lüge verbreitet, dass alle Eltern ihre Kinder lieben. Dem ist nicht so. Die Folgen chronischer Entwertung verschwinden nicht durch „Palavern in der Psychotherapie“. Es braucht eine traumabasierte Heilung, und da muss zum Beispiel der Körper eines Menschen mit einbezogen werden. Wenn ein Mensch in seiner Kindheit chronisch entwertet wurde, kennt er keine Sicherheit in seinem Körper. Diese muss gefunden werden, indem das Toleranzfenster seines Nervensystems erweitert wird. Es geht auch darum, den Mythos der dysfunktionalen Familie aufzudecken und die eigene Lebensgeschichte mit all dem, was einem angetan wurde, zurückzuholen. Hier hilft der intergenerationelle Blick auf die Familie – Familien, die Kinder chronisch abwerten, tun dies seit Generationen.

Hinweis: Narzissmus bezieht sich hier nicht auf eine psychiatrische Diagnose oder Persönlichkeitsstörung, sondern auf Narzissmus als Persönlichkeitsstil. Narzissmus ist keine Krankheit. Narzissten leiden nicht unter ihrem Persönlichkeitsstil. Sie sind jederzeit zurechnungsfähig und damit für ihr Handeln verantwortlich.

Foto von Aa Dil / Pexels

Veröffentlicht in:

Narzissmus, Psychologie, Trauma

Über die Autorin

Julia Krawitz

Als Psychologin (Master of Science) unterstütze ich dich toxische Beziehungen in deinem Leben zu erkennen, mit toxischen Beziehungen umzugehen und dich vor weiteren toxischen Beziehungen zu schützen.

In toxischen Beziehungen wandelst du wie im Nebel. Ich unterstütze dich bei der Nebelklärung.

Zu meinen Trainings Mehr über mich