Invasive Elternschaft und emotionaler Inzest

Das Hauptmerkmal dysfunktionaler Familiensysteme („toxische Familien“) ist die Verschiebung der Grenzen zwischen den Generationen und die Umkehrung der Rollen von Eltern und Kindern. Während es in gesunden Familien eine klare Grenze zwischen Eltern und Kindern gibt, durch die Liebe und Verbundenheit hin und her fließen können, gibt es diese Grenze in dysfunktionalen Familien nicht. Liebe und Verbundenheit werden durch Verstrickung ersetzt. Dysfunktionale Eltern missbrauchen ihre Kinder zur emotionalen Unterstützung als eine Art Partnerersatz und zerstören damit eine gesunde Entwicklung und eine unbeschwerte Kindheit.

„Inzest“ ist ein harter Begriff, der aber gerade deutlich macht, dass auch wenn kein sexueller Missbrauch von Eltern an ihren Kindern stattfindet, emotionaler Missbrauch einem ganz ähnlichen Prinzip folgt und darüber hinaus ähnlich gravierende Folgen für das weitere Leben der „verstrickten“ Kinder hat. Die emotionale Vereinnahmung durch die Eltern führt bei den Kindern im späteren Leben fast immer zu Störungen der Beziehungsfähigkeit, des Selbstbildes oder sexuellen Problemen. Nicht selten entwickeln diese Menschen noch dazu Suchterkrankungen wie Essstörungen, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.

Eltern, die emotionalen Inzest mit ihren Kindern begehen, kommen bei beiden Geschlechtern vor. Der emotionale Inzest kann sich sowohl vom Vater auf den Sohn oder die Tochter als auch von der Mutter auf die Tochter oder den Sohn beziehen. Ein nicht seltenes Phänomen ist, dass Menschen sich als in ihrer Kindheit sexuell missbraucht fühlen, obwohl sie „nur“ emotional missbraucht wurden. Scham und Ekel sind ähnlich.

Die Tochter eines emotional invasiven Vaters erlebt in ihrer Kindheit nie, dass ihr Vater sich wie ein Vater anfühlt. Sie kann sich daher nie wirklich sicher bei ihm fühlen, weil er sie wie eine Partnerin, Freundin oder Therapeutin und nicht wie seine Tochter behandelt. Patricia Love (2011) macht deutlich, dass intime Gespräche mit einem Vater oder einer Mutter über Themen, die nur mit einem Partner oder einer Partnerin und nicht mit dem eigenen Kind besprochen werden sollten, sexuelle Energie erzeugen, die irgendwo abgeführt werden muss. Die Tochter eines emotional invasiven Vaters kann sich also durchaus sexuell missbraucht fühlen. Hinzu kommt, dass solche Väter in der Regel eine gestörte Sexualität haben und eine Vielzahl verwirrender Signale an ihre heranwachsenden Töchter senden.

Emotional invasive Eltern können es oft nicht ertragen, wenn ihre Kinder selbständig werden. Da sie nicht selten ihren ganzen Lebenssinn aus dem Kind beziehen, ist die Autonomie des heranwachsenden Kindes für sie mehr als bedrohlich. Sie tun dann alles, um das Kind von sich abhängig zu halten und durch Schuldgefühle an sich zu ketten.

Während gesunde Eltern sich an der Freiheit und Selbstbestimmung ihrer Kinder erfreuen, sabotieren toxische Eltern diese systematisch. Manche Menschen werden durch diesen destruktiven Prozess nahezu lebensunfähig. Pete Walker (2019) spricht in diesen Fällen von einer notwendigen „Elternektomie“, d.h. einem totalen Kontaktabbruch, um sich der Kontrolle der traumatisierenden Eltern zu entziehen. Nicht selten handelt es sich dabei um Eltern, die ihre Kinder einerseits misshandelt und vernachlässigt und andererseits als Partnerersatz missbraucht und parentifiziert haben.

Die Heilung von emotionalem Inzest ist ein langwieriger Prozess, in dem die Überlebenden lernen, ihre toxische Ursprungsfamilie klar zu sehen, verdrängte und abgespaltene Kindheitsgefühle wie Wut, Angst und Trauer wieder zu fühlen und allmählich eine fürsorgliche Beziehung zu sich selbst aufzubauen. In einem nächsten Schritt können gesunde Beziehungen zu anderen Menschen aufgebaut werden. Dabei gilt es, nicht mehr an emotional invasive Menschen zu geraten und nicht in den gewohnten und vertrauten Reflex der Selbstaufgabe zu verfallen.

Literatur

Love, P. (2011). The emotional incest syndrome: What to do when a parent’s love rules your life. Bantam.

Walker, P. (2019). Posttraumatische Belastungsstörung-Vom Überleben zu neuem Leben: Ein praktischer Ratgeber zur Überwindung von Kindheitstraumata. Unimedica ein Imprint der Narayana Verlag.

Foto von Mikhail Nilov

Veröffentlicht in:

Psychologie, Trauma

Über die Autorin

Julia Krawitz

Als Psychologin (Master of Science) unterstütze ich dich toxische Beziehungen in deinem Leben zu erkennen, mit toxischen Beziehungen umzugehen und dich vor weiteren toxischen Beziehungen zu schützen.

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